Schwarzfahren und Natur schänden

Wer kennt sie nicht aus dem Erdkundeunterricht: Die Kurische Nehrung. Schon der Gelehrte Wilhelm von Humboldt schrieb im Jahr 1809 von einer Reise an seine Frau Caroline: “Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll.” (Zitat geklaut von Planet-Wissen.de).

Obwohl wir ja Touristen-Hotspots meiden, sagen wir uns: „Wenn wir nun schon mal da sind,… hört sich doch an, als ob man das gesehen haben muss.“ Die Kurische Nehrung ist ein fast 100km langer Landzipfel mit max. 3 km Breite, der in der Enklave Kaliningrad endet (also ohne Visum muss man irgendwie auf litauischer Seite zurück).

Kleiner Planungsfehler unsererseits: Es ist Samstag und das Wetter sensationell. Wir lernen, dass die Einheimischen „rüber“ fahren, um die endlosen Strände zu nutzen. Die Nehrung ist von Klaipeda eigentlich ruckzuck via Personenfähre zu erreichen. Als wir den schlecht ausgeschilderte Check-In endlich finden, ist die Stimmung ob der dort schlangestehenden Menschen schon auf dem Nullpunkt.

Also Planänderung: Erstmal weg von den Menschen, auf zur Touristinfo, wo uns ein unterbeschäftigter junger Mann („150 000 Einwohner und unsere Stadt ist leer.“) diverse Alternativen aufzeigt. 30 km weiter im Süden gäbe es eine weitere Fähre, der Weg dorthin sei nicht immer schön und man müsse sich ein wenig „durchschlagen“. Er zeigt uns eine Karte mit eingezeichneten Radwegen, als Gwenda nach einem fragt, kommt die für uns inzwischen nicht mehr überraschende Antwort: „den gibt es nicht, keine Ahnung warum der hier eingezeichnet ist“ (wer diese Prospekte immer druckt??). Kurz noch die (überraschend sehenswerte) Altstadt erkundet (inkl. des ersten litauischen Regionalentscheides der Grillmeisterschaften) und auf gehts.

Tatsächlich finden wir nach einigen Kilometern entlang von Hafenanlagen den empfohlenen Weg an einem Kanal entlang und werden mit einem schönen Singletrail belohnt. Wir erreichen die Fähre (weniger Menschen), die zur Abfahrt bereit steht. Schnell noch Ticktets kaufen, doch obwohl nur drei Personen vor uns stehen, dauert es Ewigkeiten … egal, wir können ja die nächste nehmen. Aber ein Blick auf den Fahrplan sagt uns, das ist die letzte vor der Mittagspause (3 Stunden). Nun muss Gwenda ran und beim gelbbewesteten Fährkapitän um Mitnahme betteln. Mit Erfolg.

Wir erwarten die angekündigte 30-Minuten-Überfahrt, jedoch kaum hat das Schiff den Hafen verlassen, gibt der Herr Fährmann Gas. Kaum 10 Minuten dauert es, bis wir das pittoreske Juodkrantė erreichen. Auch gut ;-), dann kriegen wir schneller das verdiente Mittagessen (gebackenes Brot, kalte Rote-Beete Suppe und ein Kürbis-Stew).

Bei 25 Grad fühlt es sich in den Kiefernwäldern und dem Sandboden tatsächlich ein bisschen wie Italien an. Zurück Richtung Klaipeda wählen wir zunächst den ausgeschilderten, asphaltierten Radweg, jedoch verleiden uns einige Begegnungen mit entgegenkommenden (taumelnden) Familien ein wenig das Radvergnügen, so dass wir diesen schnellstmöglich in Richtung Autostrasse verlassen. Mit Näschen finden wir einen Singletrail direkt neben der Trasse, welcher oftmals nur einen Meter am Wasser entlang führt. Der Trail entlässt uns nur 200 Meter von der Autofähre entfernt, wir sehen andere Radler und rollen frohgemut hinterher, nur Sekunden später legt die Fähre ab. (YES, schon wieder Glück gehabt).

So dann wollen wir mal bezahlen, aber wo? Oh, die Fähre legt schon wieder an, dann wollen sie wohl unser Geld nicht… Wir fahren zurück zu unserem Tourist-Info-Mann, wollen uns bedanken und berichten begeistert von unserem Trailerlebnis. Er ist weniger begeistert und bedenkt uns mit tadelndem Blick: Um die einzigartige Naturlandschaft auf der Landzunge zu schützen, sei sie in den 1990er Jahren zum Nationalpark erklärt worden. Man dürfe sich nur auf befestigten Wegen bewegen.

Nicht nur uns, sondern auch den meisten anderen Besuchern scheint dies entweder nicht bekannt oder herzlich egal zu sein, wie die Reifenspuren, denen wir gefolgt sind, beweisen. Ein wenig schlechtes Gewissen haben wir schon, wir einigen uns mit dem jungen Mann, dass wir es keinem verraten und behalten dann auch lieber mal unsere kostenlose Fährfahrt für uns. Wir wollen es schließlich nicht komplett mit ihm verscherzen.

Auf dem Weg zurück zum Campingplatz weichen wir ebenfalls immer wieder vom asphaltierten Radweg auf Pfade Richtung Meer ab, Bikeverbotsschilder sehen wir nirgends, dafür zahlreiche Hochzeitsgesellschaften beim Fotoshooting.

Nach schlussendlich 90 Kilometern empfängt uns Ziegenbock Adam zusammen mit seinem besten Freund einem ebenfalls weißen Windhund. Sein Herrchen bringt uns mit der Schubkarre eine Ladung Feuerholz. Begleitet von (nicht besonders weit) entfernten Euro-Pop-Klängen einer (Hochzeits?-) Feier genießen wir den Sonnuntergang und das inzwischen liebgewonnene Lagerfeuer.

Nachtrag: Den besagten MdEP (Michael) Cramer gibt es wirklich. Ohne es zu wissen, bewegen wir uns seit einigen Tagen immer mal wieder auf dem „Iron Curtain Trail“ – übrigens unnachahmlich beschrieben von Tim Moore, der die gesamte Strecke von Norwegen bis in die Türkei mit einem Klapprad gefahren ist. Wer mehr über das Projekt erfahren möchte oder ein lustig geschriebenen Reisebericht lesen will, einfach mal die beiden Genannten googeln.

„Menschenmassen“ strömen zur Fähre … der Herr Friedrich schaut motzig und fragt „willst du das wirklich?“
(Man muss halt etwas reinzoomen um ein paar Menschen zu sehen ;-))
Der nette Fährmann, der uns noch als letzte Passagiere reinquetscht…DANKE!
…um dann abzudüsen, wahrscheinlich damit er früher Mittag machen kann
So sieht‘s dann „drüben“ aus – auf der Nehrung in Ju…dingsda
Auf dem asphaltierten Radweg zurück Richtung Klaipeda … eigentlich auch ganz schön, wenn die Taumler nicht wären
DAS ist natürlich viel besser … aber verboten?!! Wir können es eigentlich noch nicht richtig glauben, der Weg liegt schließlich vor der Eingangsschranke, an der Autofahrer den Eintritt in den Nationalpark bezahlen müssen und es ist kein einziges Verbotsschild, dafür aber einige Reifenspuren zu sehen
Hier auf dem Rückweg zum Campingplatz ist es schließlich auch erlaubt – sieht doch genauso aus, oder?
Adam und sein Freund der (übrigens extrem verschmuste) Windhund

Tagesausklang….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.